Modellbasiertes persönliches Wissensmanagement

Sonderdruck

Überarbeiteter Beitrag aus wissensmanagement 4/06

 

Familiäre Erziehung, schulische und berufliche Aus- und Fortbildung vermitteln allgemeines Wissen. Geistesarbeiter müssen darüber hinaus spezielles Wissen erzeugen, erweitern, konsolidieren und in verständliche Form bringen. Wissen wird damit zur Information. Umgekehrt müssen verfügbare Informationen in die Entwicklung eigenen Wissens einbezogen werden. Persönliches Wissensmanagement ist Kern geistiger Arbeit. Mit einem persönlichen Wissensmodell legt der Benutzer dauerhaft fest, was er wissen und machen will. Weil ein persönliches Wissensmodell relevante Dokumente einbezieht, wird Dokumentenorientierung nicht abgelöst, sondern durch Modellbasierung erweitert.

 

Haefner prophezeit 1990: „Jedermann nutzt sein persönliches Informations- und Telekommunikations-System, sein Denkzeug, um seine eigenen kognitiv-verbalen Leistungen durch Informationstechnik zu komplettieren.“ [1] Wie Werkzeuge die körperlichen Möglichkeiten des Menschen ergänzen, soll Denkzeug die geistigen Fähigkeiten erweitern. Das Denkzeug wird aber nicht spezifiziert. Probst und Eppler knüpfen 1998 bei diesem Begriff an und beschreiben persönliches Wissensmanagement als Grundlage für unternehmensweites Wissensmanagement.[2] Kategorien von Instrumenten werden knapp erläutert. IT-basierten Instrumenten wird ausgewichen.

 

Reinmann-Rothmeier und Mandl beschreiben 2000 aus psychologischer Sicht Strategien zum individuellen Wissensmanagement.[3] Die Strategien im Rahmen einer integrierenden IT-Unterstützung umzusetzen, erscheint der Fachwelt nicht vorstellbar. Auch Schütt bleibt 2005 im konventionellen Rahmen, indem er seine Empfehlung zur IT-Unterstützung beschränkt auf eine „klare Kategorisierung und eine saubere, möglichst eindeutige Ablage in einer Datenbank oder zu Not auch klassisch im File-System.“ [4]

 

Wie entsteht Wissen?

 

Die Sensorik des Körpers nimmt die Umwelt wahr und sendet deren Zustand ans Gehirn. Das Gehirn bewertet das Erfasste auf Basis seiner Vorprägung und aktiviert anschließend Kognition bzw. Motorik des Körpers. Durch Motorik erzeugte Veränderungen werden über die Sensorik mittelbar rückgekoppelt. Das Gehirn steuert zielorientiert nach. Die Vorprägung des Gehirns wird mit ihrer Vernetzung konsolidiert. Das Gehirn sammelt Erfahrungen.

Kognitionen gibt das Gehirn unmittelbar zurück. Es verarbeitet Bewusstes situativ und reagiert selektiv. Eine Kette zyklischer Kognitionen erlebt der Mensch als Denkprozess. Kognitionen können auch bewirken, dass ein vorhandenes Wissensmodell konsultiert oder dass Relevantes darüber, was man wissen oder machen will, dort überschlägig fixiert und vernetzt wird. Die Aufzeichnungen sind primär Gedächtnisstützen und Zugriffshilfen für den Benutzer. Gestaltung und Anwendung des Wissensmodells vermeiden Mehrfacherfassungen. Der Benutzer aktualisiert und erweitert vorhandene Aufzeichnungen. Er modelliert angestrebtes Wissen und Wollen und verbindet seine Ambitionen mit erläuternden und belegenden Dokumenten.

 

Arbeiten mit dem eigenen Wissensmodell bringt auch solche Gedächtnisinhalte ins Bewusstsein, die zwar mit erfassten Sachverhalten zusammenhängen, die aber im Modell nicht ausdrücklich formuliert worden sind. Das Wissensmodell unterstützt als System hoch vernetzter Eselsbrücken das Erinnern und entwickelt die Vorprägung des Gehirns weiter.

 

Der kybernetische Prozess kognitiver Rückkopplungen über ein persönliches Wissensmodell ist der wesentliche Unterschied zur traditionellen geistigen Arbeit. Die Performance geistiger Arbeit steigt sprunghaft:

 

·         Weil man skizziert, was man wissen und machen will, und zwangsläufig zu den bereits erfassten Sachverhalten zurückkehrt, erfolgt ein permanenter Soll/Ist-Vergleich. Anders als bei unmittelbarer Rückkopplung von Kognitionen werden Abweichungen bewusst und damit gründlicher verarbeitet. Das Modell reduziert den Einfluss von zufällig Erlebtem und wirkt natürlichen Verdrängungs- und Verfälschungsmechanismen des Gehirns entgegen.

 

·         Rückkopplungen konsolidieren Erfahrungen unbewusst. Eselsbrücken reaktivieren nicht nur Fixiertes. Auch zugehörige, gereifte Erfahrungen rücken ins Bewusstsein und sind damit kognitiven Prozessen zugänglich.

 

·         Weil modellbasiertes, kognitiv rückkoppelndes Arbeiten Faktoren erfolgreichen Lernens enthält, werden die Strukturen des Modells mit fortschreitender Bearbeitung quasi automatisch verinnerlicht. Zu den Faktoren gehören: durch Relevanz bekundetes Interesse an der Materie, Vernetzung mit Vorwissen, Wiederholung nach Reaktivierung von vormals Gedachtem.

 

·         Erweitertes Erinnern bietet dem Denken mehr Kombinationsmöglichkeiten und steigert damit die Kreativität.

 

Im Gegensatz zur traditionellen geistigen Arbeit werden zuwachsende Erfahrungen effektiver integriert und als Wissen sowie zum Handeln verfügbar gemacht. Die Vorprägung wird im Laufe der Zeit nach eigenen Vorstellungen und eigenem Verhalten fortentwickelt und im Gehirn physisch realisiert. Inhaltlich stehen sich Wissensmodell und Gehirn sehr nahe. Das Wissensmodell ist jedoch auf eine vom Benutzer selbst gestaltete unterstützende Rolle beschränkt.

 

Technische Realisierung des Wissensmodells

 

Die IT-gestützte Anwendung orientiert sich an den Bedürfnissen des Benutzers. Die Datenbank ist an den Erfordernissen der Datenhaltung ausgerichtet. Schnittstelle ist das Wissensmodell, das die Datenbank abstrahiert. Der Benutzer braucht sich nicht um die Datenbank zu kümmern. Die Anwendung sieht vor, dass sich der Benutzer nur mit einem jeweils beherrschbaren Ausschnitt seines Wissensmodells befasst und hierfür nur eine Wissenseinheit in einer Task des Betriebssystems benötigt.

Wissenseinheiten umreißen Wissen elementar. Sie werden vom Benutzer selbst erstellt oder vom System vorgegeben. Sie werden eindeutig und neutral bis zum Löschen einer Einheit gleichbleibend identifiziert. Selbst erstellte Einheiten sind zudem aussagestark und änderbar benannt.

 

Aufgerufene Einheiten lädt das System informationstechnologisch als Objekte. Ihren Datenausschnitt erhalten sie über das Wissensmodell und ihre Funktionalität aus der Software. Differenziert wird nach Klassen von Wissenseinheiten. Die Komplexität der Oberfläche wird durch klassenabhängige Zerlegung von Einheiten in Komponenten aufgelöst. Zudem kann die Anwendung weitere Einheiten unter der Oberfläche des geladenen Objekts zur Nutzung der Daten und Funktionen assoziieren. Jede Einheit kann somit als Mittelpunkt des Wissensmodells angesehen werden.

 

Der Nutzer kann von jeder geladenen Einheit direkt zu jeder anderen Einheit wechseln. Aufgrund der damit erreichten Flexibilität ist Multitasking nur selten nötig. Dennoch gibt es Fälle, die in einer parallelen Task bearbeitet werden müssen.

 

Aufbau der Datenbank

 

Die Datenbank ist zwecks effizienter Zugriffe relational organisiert. Sie speichert Wissenseinheiten als Informationseinheiten in einem Konstrukt aufeinander bezogener Tabellen. Eine zentrale Tabelle enthält als Repository alle Informationseinheiten. Klassenabhängig werden spezialisierende Tabellen ggf. mehrstufig angebunden.

 

Analog werden Tabellen über Verknüpfungen von Informationseinheiten geführt. Die Ausgestaltung durch spezialisierende Tabellen hängt vom Typ einer Verknüpfung ab. Mit Verknüpfungen kann der Benutzer alle Informationseinheiten zu einem frei bestimmbaren Netz verbinden. Im Gegensatz zu diesen expliziten Verknüpfungen bilden die impliziten Bezüge der Software ein nicht manipulierbares Basisnetz.

 

Verknüpfungen können den Zugang ins Internet definieren. Neben Verweisen auf konventionelle Quellen wie Bücher und Akten können auch Informationen aus diesen Unterlagen einbezogen werden.

 

Das zum Wissensmodell gehörende Protokoll ist ein Tabellenkonstrukt, das die Aktivitäten des Benutzers dokumentiert und sie ihm bei Bedarf anzeigt. Zudem werden parallele Tasks und das Assoziieren von Wissenseinheiten synchronisiert. Das Protokoll der Anwendung mit dem Transaktionenprotokoll der Datenbank gewährleistet Wiederanlauf und Wiederherstellung nach Störungen. Das Protokoll ist unbedingtes Muss für die Benutzerfreundlichkeit bei zu erwartenden umfangreichen und hoch komplexen Wissensmodellen.

 

Literatur:

 

[1] K. Haefner, Computer statt Gehirne, in: Information ist noch kein Wissen, Hrsg. H. Scheidgen, P. Strittmatter, W. H. Tack, Weinheim, 1990, S. 143 ff, 199

[2] G. Probst und M. Eppler, Persönliches Wissensmanagement in der Unternehmensführung, in: Zeitschrift für Führung und Organisation,  1998, Heft 3, S. 147 – 151

[3] G. Reinmann-Rothmeier und H. Mandl, Individuelles Wissensmanagement, Bern 2000

[4] P. Schütt, Das persönliche Wissensmanagement, in: wissensmanagement, 2005, Heft 6, S. 26 - 28

 

 

Weitere Verweise:  Startseite, Fragen, Antworten, Kommentare, Autor und Impressum.

  

Stand 30.5.2006. Alle Rechte vorbehalten.